Ein Kaugummiautomat hängt an einer Hauswand.
reportage

Kunst, Pizza, Maden Was alles aus dem Automaten kommen kann

Stand: 28.04.2024 14:49 Uhr

Hunderttausende Kaugummi-Automaten gibt es in Deutschland noch. Aber es geht auch anders - etwa in Berlin. Dort kommen auch Pizza Margherita oder Angelköder aus dem Automaten.

Einen Fahrradschlauch für den kaputten Reifen, Eis sogar zur späten Stunde, Bienenfutter oder Saatgut - und neuerdings sogar Kunst. Für all das gibt es in Berlin den passenden Automaten. Der Vorteil: immer verfügbar, nie geschlossen. Also Kleingeld mitnehmen und los geht’s auf einen Automaten-Rundgang durch Berlin.

Zu Beginn der Klassiker: Münze rein, drehen, und dann kommt unten eine oft viel zu harte Kugel raus. Der Kaugummiautomat ist für viele eine echte Kindheitserinnerung. 500.000 bis 800.000 gibt es davon noch in Deutschland, schätzt der Verband der Automaten-Fachaufsteller (VAFA). Viele stehen davon auch in Berlin. Aber es werden langsam weniger.

Der Grund: immer mehr Aufsteller hören gerade aus Altersgründen auf. Und bei der Entwicklung weg vom Bargeld ist kaum jemand bereit, noch in Kaugummiautomaten zu investieren. Der Klassiker verschwindet gerade also langsam immer mehr aus dem Stadtbild. Dafür boomen gerade die neuen Automaten-Ideen.

Kunst auf Knopfdruck

Direkt am Eingang des Berliner Mauerparks im Stadtteil Prenzlauer Berg befindet sich die Bar und Biergarten der "Mauersegler". Und kurz vor den Toiletten hängt - über einem Zigarettenautomaten - ein zweiter, ungewöhnlicher Automat. Weder Zigaretten noch Kondome oder Kaugummis gibt es hier, sondern Kunst auf Knopfdruck. Der ehemalige Strumpfhosenautomat wurde umgebaut und ist jetzt ist ein Pilotprojekt der Berliner Kunstschule.

Das Projekt wird sogar mit Geldern aus dem Europäischen Sozialfond unterstützt und vom Land Berlin. Eine Gruppe Berliner Künstlerinnen und Künstler hat sich zusammengefunden für die Idee der Kunst aus dem Automaten. Die Herausforderung: Die Werke dürfen maximal sieben mal zwölf Zentimeter groß sein.

Für Isabelle Spicer, eine der Künstlerinnen, war sofort klar, dass sie bei dem Projekt dabei sein will: "Ich habe in Amerika gewohnt und kenne von dort diese Automaten. Es ist ich ein bisschen wie ein Überraschungsei. Und genau die Idee, Kunst als Überraschung, hat mir gefallen."

Ein Kunstautomat steht auf einem Tisch neben einer offenen Tür.

Kunst2Go: Für nur acht Euro kann man unter die Kunstsammler gehen - und unterstützt gleichzeitig die Berliner Kunstszene.

Mit acht Euro zum Sammler

Und eine Sache gefällt ihr auch noch: "Der Automat ist eine super Möglichkeit, zu den Leuten zu kommen. Mit acht Euro ist der Preis auch recht niedrig. Das heißt, jeder kann jetzt mit acht Euro seine eigene Kunstsammlung starten."

Der Automat ist also eine neue Einnahmequelle für die insgesamt 15 Künstlerinnen und Künstler der Gruppe - aber auch als Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, wie Sinaida Feinstein erzählt: "Ich arbeite selbst mit Malereien, Zeichnungen und auch Skulpturen. Und da zu gucken: was passt eigentlich in eine kleine Schachtel so rein? Das hat viel Spaß gemacht. Ich fühle mich dadurch nicht limitiert, sondern habe eher das Gefühl, dass ich eine neue Freiheit gewonnen habe, Dinge ausprobieren zu können." Vier Kunstautomaten stehen mittlerweile bereits in Berlin. Ein fünfter kommt bald dazu.

Ein Pizzaautomat steht an der Ecke einer Straße.

Margherita, Speciale oder Prosciutto: Die Pizza wird im Automaten gebacken und mit Kreditkarte bezahlt.

Snack für Nachtschwärmer

Trotz solcher Ideen für ungewöhnliche Automaten - an die Zahlen des Verkaufsautomaten-Land Nummer eins Japan kommt Deutschland natürlich bei weitem nicht ran. Mehr 4,05 Millionen gibt es in dem asiatischen Land, die in der Bevölkerung sehr beliebt sind.

Die ständige Verfügbarkeit ist der Vorteil - auch beim Pizza-Automaten, der in Berlin unter anderem im Stadtteil Kreuzberg steht in der Köpenicker Straße. Direkt vor einem Hostel in einer Gegend, in der auch viele Nachtschwärmer unterwegs sind.

Neun Pizzen stehen zur Auswahl, darunter Margherita, Prosciutto oder auch eine vegane Pizza. Die Pizza Speziale kostet 9,90 Euro, zahlbar per Kreditkarte. Nach ungefähr vier Minuten kommt sie heiß und in einem Karton verpackt unten aus dem Automaten. Das Testergebnis: natürlich nicht so gut wie beim Italiener um die Ecke. Aber besser als erwartet.

Ein Madenautomat ist in Berlin-Wedding neben einem Schaufenster zu sehen.

Schon seit Jahrzehnten bekannt bei Anglern: der Madenautomaten in Berlin-Wedding.

Beliebt bei Hobbyanglern

Noch skurriler als der selbstbackende Pizzaautomat ist der letzte Automat auf der Berlin-Tour. Er steht vor einem Laden für Angelbedarf im Stadtteil Wedding. "Angelhaus Koss hat fast alles", steht als Slogan auf dem Fahrradständer vor dem Geschäft. Und tatsächlich, an der Hauswand steht er: der Maden-Automat. Das Wort "Iron" hat jemand über den Maden-Schriftzug gekritzelt. Eine Anspielung auf die britische Heavy-Metal-Band "Iron Maiden".

Der Laden ist echtes Traditionsgeschäft und gehört mittlerweile Alexander Koss. Sein Vater hat das Geschäft im Jahr 1960 gegründet: "Der Madenautomat ist noch auf dem Mist meines Vaters gewachsen. Ich weiß gar nicht genau, warum er 1963 den alten Zigarettenautomaten umgebaut hat", erzählt Koss. Aber er weiß noch: "Wir haben früher genau hinter dem Geschäft gewohnt. Vielleicht wurde er öfter mal sonntags raus aus dem Bett geklingelt oder so und kam so auf die Idee". 

Für einen Euro gibt’s die Dose mit lebendigen Maden - und das seit Jahrzehnten. Am Wochenende werde am meisten gekauft: "Da ist der Laden nämlich geschlossen. Aber die Leute die kurz entschlossen doch noch angeln wollen, können sich so schnell ein paar Maden ziehen. Die sind nämlich der perfekte Allround-Köder für alle möglichen Fische."

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 30. April 2024 um 21:45 Uhr.